• Claudia Ebbers

Online-Schuh(ver)kauf – wen interessiert Nachhaltigkeit?

Man könnte meinen, das Thema Nachhaltigkeit begegnet einem inzwischen überall wie eine Modeerscheinung – aber betrifft es auch den online-Käufer von Schuhen? Nicht wirklich, oder? Es sind doch andere, wie z.B. die Hersteller und Anbieter, die sich hierzu den Kopf zerbrechen müssen. Vielleicht. Aber kann oder sollte man heute als Kunde die „nicht mein Problem-Einstellung“ haben und sich dem Thema entziehen oder die Augen ganz verschließen? Jetzt, wo das online Shoppen durch COVID19 einen Schub bekommen hat, bietet gerade 2020 die Chance, mal genauer hinzuschauen. Wir überlassen jedem von Euch selbst die Antwort auf diese Frage, möchten aber hier gern etwas tiefer in das Thema eintauchen:

UN Nachhaltigkeitsziele

Mit der im Jahr 2015 verabschiedeten Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen zu 17 globalen Zielen für eine bessere Zukunft verpflichtet. Leitbild der Agenda 2030 ist es, weltweit ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft zu bewahren.

Für den E-Commerce Bereich im Schuhsegment ergeben sich hier vorrangig 2 Themenfelder


Um die internationale Tragfähigkeit der Ökosysteme zu stabilisieren, ist eine Wandlung hin zu nachhaltigem Konsum und natürlichem Ressour-cenerhalt für die Weltbevölkerung überlebenswichtig. Hierbei spielt die Wiederverwertung und Verminderung des Abfalls sowie der bewusste Umgang sowohl mit Konsum als auch nachhaltigen Produktionsmustern in den Unterzielen eine bedeutende Rolle.


Die Erderwärmung könnte ohne ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen bis 2100 auf drei Grad oder mehr steigen. Wegen möglicher gravierender Folgen sollen deshalb geeignete Maßnahmen den Temperaturanstieg deutlich beschränken - unter 2 Grad Celsius, möglichst sogar auf unter 1,5 Grad Celsius.

Wo aber gibt es hier konkrete Ansatzpunkte für den E-Commerce Bereich „Schuhe“? Ausgelagerte Produktion In der heutigen Industrie ist vor allem eines wichtig: billig produzieren und dadurch möglichst billig verkaufen. Konsumentinnen und Konsumenten sind an niedrige Preise gewöhnt und nur selten bereit, mehr zu zahlen. Aufgrund des geltenden Arbeitsrechts und damit zusammenhängenden Mindestlöhnen wird die Produktion daher oft ausgelagert.


Zu den beliebtesten Billiglohnländern der Textilindustrie zählen vor allem asiatische Länder. Dabei fand die Schuhproduktion im Jahr 2015 zu 39 % in Vietnam, 27 % in China und 23 % in Indonesien statt. Aus Europa kamen lediglich 3 % der Schuhe, aus Amerika 1 %.


Dabei wäre bei der Gerbung mit Schwermetallen ein Schutz mehr als nötig. . Denn „normales“ Leder aus konventioneller Tierzucht hat nicht nur eine schlechtere CO2-Bilanz, sondern auch eine Menge Gift im Gepäck. Das verwendete Chrom III kann nämlich bei unsachgemäßer Gerbung zu Chrom VI oxidieren, das nicht nur hochgiftig, sondern ebenfalls krebserregend ist. Die Gerbereien vergiften mit diesen oft ungeklärten Abwässern die Flüsse der asiatischen Textilzentren. Darüber hinaus ist die Auslagerung ebenso in Bezug auf den Tierschutz mehr als bedenklich. Traditionell gesehen ist Leder ein „Abfallprodukt“ der Schlachtindustrie und kann somit mehr oder weniger als nachhaltige Verwertung angesehen werden. Allerdings hat sich die Lage durch die hohe Nachfrage zu billigen Preisen verändert. Leder wird vermehrt nicht mehr nur als Nebenprodukt weiterverwertet. Dazu kommt, dass die Tiere sehr häufig in erbärmlichen Bedingungen gehalten werden.

Gut wäre es deshalb, auf nachhaltig produzierte Schuhe wert zu legen, aber diese sind nicht ganz leicht zu finden. Gerade beim Schuh gib es viele Sünden bei der Produktion, die selten fair und umweltfreundlich abläuft.

Mensch- und Tierleid vermeidende Produktion Der vegane Lebensstil ist aktuell angesagt - und so breitet sich der Trend auch in der Schuh-Welt rasant im Bereich lederfreier Modelle aus. Denn Leder, genauso wie Fleisch, hat keine gute Öko-Bilanz, der Flächenverbrauch und CO2-Ausstoß ist enorm.

Aber die vegane Schuh-Lage ist, wie so oft, nicht eindeutig. Für einen natürlichen Gerbungsvorgang wird zu pflanzlichen Gerbstoffen gegriffen. Dazu gehören etwa Eichenrinde, Rhabarberwurzeln, Mimosa-Rinde, Quebrachoholz oder Tara-Schoten. Dadurch werden weder giftige Stoffe eingesetzt noch freigesetzt. Ebenso wenig befinden sich anschließend Giftstoffe im Endprodukt.

Zudem geht es neben einer ökologischen Produktion um die Sicherstellung fairer Arbeitsbedingungen und kurzer Transportwege vom Produktionsort zum Kunden. Auf diese Weise sollen die Schuhe auch nach der Produktion keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt haben. Es bleibt allerdings das Manko, das auch der Ökoleder-Schuh nicht vegan, also "tierleidfrei" ist. Auch deswegen entwickeln die veganen Schuh-Pioniere immer neue Gewebe auf pflanzlicher Basis, wie z.B. aus Piñatex-Gewebe - ein lederähnliches Material aus den langen Fasern der Ananasblätter, Kork, Hanf, Bio-Baumwolle oder Kautschuk-Sohle.

Zusammenfassend kann man sagen, dass nachhaltige Schuh-Hersteller großen Wert auf eine ökologische Produktion, faire Arbeitsbedingungen und möglichst kurze Transportwege legen.

Sie lassen ihre Produkte somit unter fairen Bedingungen fertigen und unterstützen bestenfalls zusätzlich soziale Projekte.

Das Sortiment solcher nachhaltigen Schuh-Marken ist inzwischen ebenso breit aufgestellt, wie bei herkömmlichen Schuh-Labels: Sie bieten von Sandalen über Sneaker bis hin zu Winterstiefeln alles an, und das sowohl als Herren-, Damen- und Kinder-Modell. Verpackungen: Was gibt die EU vor? Die EU-Verpackungsrichtlinie gilt für alle Verpackungen und Verpackungsabfälle, ganz unabhängig davon, wo sie schließlich anfallen, u.a.

  • Abfallvermeidung An erster Stelle steht das Ziel, aus Verpackungen resultierende Abfälle nach Möglichkeit zu vermeiden, aber auch die Auswirkungen dieser Abfälle auf der gesamten Welt zu verringern. Ziel ist es, dass infolge der Wiederverwendung von Verpackungen bzw. Rohstoffen keine neuen mehr in den Verkehr gebracht werden müssen – die sog. Kreislaufwirtschaft.

  • Wiederverwendung und Verwertung Mitgliedsstaaten sollen Maßnahmen ergreifen, durch die sich der Anteil wiederverwertbarer Verpackungen erhöht. Dazu können zum Beispiel Pfandsysteme gehören, oder auch wirtschaftliche Anreize. Zudem erhalten die Mitgliedstaaten Zielvorgaben. Sie müssen sicherstellen, dass gewisse Anteile der Abfälle verwertet werden.

  • Herstellerverantwortung Der Hersteller eines Produktes hat es in der Hand, in welche Art und Menge an Verpackung er die Ware bettet, genauso wie Online-Händler praktisch die Oberhand bei der Auswahl der Versandverpackung besitzen.

Das hört sich erst einmal gut an, schaut man jedoch genauer hin, so ergeben sich sehr unterschiedliche Regelungen pro Land, d.h. dass die einzelnen Mitgliedstaaten den Inhalt dieser Richtlinien in ihren eigenen Gesetzen umsetzen müssen. Die wiederum sollten dann natürlich berücksichtigt werden.

Eine bessere Verwertung bzw. Vermeidung von – insbesondere ökologisch bedenklicher - Verpackung, würde auch der (Friday’s for) Future-Bewegung entgegenkommen und dies könnte jedes (online-) Unternehmen wertvoll für die Eigenvermarktung nutzen. Als Online-Käufer hat man eher wenig Einfluss auf das Ausmaß an Verpackungsmüll, das man als Sendungs-Empfänger am Ende zu entsorgen hat, aber man kann durch Bewertungen des ökologischen Aspektes zu einem erhöhten Bewusstsein beitragen.

Da drückt der Schuh - steigende Retouren

An der Universität Bamberg gibt es eine Arbeitsgruppe Retourenforschung, die für das Jahr 2018 von 280 Millionen Retouren ausging. Die Umweltwirkung der Retouren beläuft sich 2018 geschätzt auf 238.000 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e).


Die Retourenquoten sind jedoch sehr unterschiedlich und hängen von den bestellten Produkten ab. Bei Textilien und Accessoires berichten Händler von Quoten von mehr als 50 Prozent: Das heißt, jedes zweite Sweatshirt oder Paar Schuhe geht direkt an den Onlineshop zurück.

Schuhe sind das zweitwichtigste Modesegment im Einzelhandel direkt nach Bekleidung. Der Markt für Schuhe umfasst hier alle für private Endverbraucher vorgesehenen Schuhe. Insgesamt erzielte der Markt für Schuhe im Jahr 2019 weltweit einen Umsatz von 439 Milliarden US-Dollar. Mit 342 US-Dollar pro Kopf im Jahr 2019 gaben die Menschen in Hongkong den größten Anteil für Schuhe aus, gefolgt von Luxemburgern und Österreichern.

Doch wer kennt das Problem nicht? Schuhe wurden online bestellt, aber in der Realität ist Einiges (z.B. Material, Farbe, Absatz, Größe) anders, als es sich online darstellte. Zurück geht die Bestellung. Das ist frustrierend und nervig.

Warum geht das nicht besser?

75 % der Schuh-Retouren basieren allein auf falschen Größen. Dies ist ein „bekanntes“ Problem der Branche, denn es existieren keine weltweit einheitlichen Schuhgrößen und es gibt z.B. Größenabweichungen pro Hersteller, Schuhmodell und Produktionsstätte.Mit Umrechnungs-tabellen (EU / UK / US) versucht man dem Problem „Herr“ zu werden, aber das ist sehr ungenau und löst die Ursache nicht. Im Gegenteil, das Problem wir dadurch noch größer und unübersichtlicher. Online-Händler kennen dies zur Genüge, und versuchen neben Umrechnungstabellen verbesserte Produktbeschreibungen vorzunehmen (z.B. dies Modell fällt klein aus, wir empfehlen eine Größe größer zu bestellen). Auch das ist keine wirkliche Lösung und bleibt recht ungenau. Einen Teil der Online-Shops nutzt das Retourenargument verkaufsfördernd (kostenlose Retoure ab X % Umsatz) oder versucht von vorneherein einen Teil der Retourenkosten auf den Konsumenten abzuwälzen (kostenpflichtige Retoure), was aber Wettbewerbsnachteile nach sich ziehen kann. Denn wenn Schuh-Retouren komplett kostenlos angeboten werden, hat der Kunde kein Risiko zu tragen, keine Hemmschwelle zu überwinden und man riskiert nur eine negative Nutzererfahrung (UX).


Wie man es dreht und wendet, Retouren steigen – nicht zuletzt durch zunehmende online-Aktivitäten – und damit auch der finanzielle Schaden, welcher primär den online Shop trifft.


Transportbedingter Umweltschaden Nicht nur der finanzielle Schaden ist ein Thema, Transport steht an zweiter Stelle bei den CO2 Emissions-Drivern, was bekanntermaßen einen stark negativen Einfluss auf unser Klima hat. Durch eine Zunahme der online-Bestellungen steigen die Retouren, damit steigt der Transport und somit die retourenbedingte CO2 Emission. Eine Verkettung ungünstiger Faktoren für die Umwelt.

Dringendes Ziel sollte es weltweit sein, Retouren zu reduzieren bzw. ganz zu vermeiden. Dies wäre ein großer Schritt in Richtung Klimaschutz.


Warenvernichtung – muss das sein?

Laut Unternehmen wie Zalando, Amazon und Otto kommt ein Großteil der versandten Ware unbeschädigt zurück und wird wiederverkauft. Ein Teil der Ware muss z.B. leicht aufbereitet werden und leicht beschädigte Ware würde billiger abgegeben, manches gespendet. Nur ein geringer Teil müsse vernichtet werden. Vielmehr setze man auf Programme, um die Zahl der entsorgten Produkte zu reduzieren. Dazu gehören verbilligter Verkauf von Retouren, Produktspenden an gemeinnützige Organisationen, Recycling oder die Veräußerung an Aufkäufer.

Offenbar stellen Retouren tatsächlich nur den kleineren Teil des Problems dar. Ladenhüter und Überhänge, aber auch fehlerhafte Verpackungen oder Etiketten sind Gründe, warum intakte Waren vernichtet werden. Zugleich gibt es Anstrengungen, Retouren und Warenüberhänge von vornherein zu vermeiden, zum Beispiel durch Normierung textiler Größen und den Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Fazit Die jeweils getroffenen Kaufentscheidungen haben einen sehr großen Einfluss, der aus der Einzelperspektive manchmal klein wirken mag. Tatsächlich bestimmen Verbraucher*innen in Industrie- und Schwellenländern aber durch ihr Einkaufsverhalten im Wesentlichen die Wertschöpfungs- und Lieferketten und damit die ökonomischen, sozialen und ökologischen Verhältnisse weltweit.

Wer (nicht nur modisch) Wert auf sich und andere legt, schaut bei der Auswahl seiner Schuhe etwas genauer hin, als offensichtlich ist. Materialien, Herstellung und Gesundheitsaspekte sind nur ein paar Punkte, die ins Kalkül genommen werden sollten.

Denn feststeht, was sich nicht oder schlecht verkauft, kommt runter vom (virtuellen) Ladentisch. Für den online-Schuh-Verkäufer bieten sich durch Nachhaltigkeitsaspekte ganz neue Chancen der Positionierung, denn nicht nur umweltfreundliche Produktion und Materialen, sondern auch moderne, digitale Kundenlösungen bergen eine besondere Wettbewerbschance und können als ganzheitliches Statement des Unternehmens verstanden und gelebt werden.

Digitalisierung könnte helfen, den online-Shopping-Prozess so zu gestalten, dass er einem realen / offline-Shopping Prozess möglichst nahe kommt und damit den „grünen Fingerabdruck“ unterstützt. Ansätze hierzu gibt es bereits, sei es u.a. durch virtuelle Anproben, Augmented Reality (AR) Shopping Verläufe, durch digitale Körper- bzw. Fußvermessungen oder auch durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI).